{"id":181,"date":"2016-05-23T11:16:32","date_gmt":"2016-05-23T09:16:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guentherfloner.at\/einwegohneende\/?p=181"},"modified":"2017-12-28T18:07:49","modified_gmt":"2017-12-28T17:07:49","slug":"der-most-wird-heuer-sicher-a-wieder-recht-guat-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.guentherfloner.at\/einwegohneende\/181\/der-most-wird-heuer-sicher-a-wieder-recht-guat-werden\/","title":{"rendered":"Der Most wird heuer sicher a wieder recht guat werden"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDer Most wird heuer sicher a wieder recht guat werden, do bin i ma sicher. Hast schon g\u2019schaut, Michl, die \u00c4pfel sowieso, owa a die Birn\u2018 san sauguat.\u201c Der Mandl Samthaler zwinkerte lachend und hob den Krug prostend in die H\u00f6he, \u201eund Gott sei Dank hob i noch genug vom vorigen Johr, weil bis zum Neichn dauerts noch a Weil.\u201c<br \/>\nEr war inzwischen sehr selten bei Michael Blankenheim. Die \u201aHaxn\u2018 &#8211; seine Beine, funktionierten nicht mehr so wie fr\u00fcher, bedauerte er manchmal, aber ohne Selbstmitleid und seine allt\u00e4glich gute Laune schien nicht darunter zu leiden. Hager und kleinw\u00fcchsig mit tausend Falten im Gesicht zeigte er beim Lachen seine drei noch \u00fcbriggeblieben Z\u00e4hne. Nach vorne leicht geb\u00fcckt, auf einen Aststock gest\u00fctzt tauchte er dann, von der Seite des Waldes her kommend, wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit bei der Gartent\u00fcr auf. Die Finger seiner abgearbeiteten, schwieligen H\u00e4nde hatten dicke Knorpel an den Gelenken und es schien unvorstellbar, dass er damit noch immer seine \u201aTschick wuzln\u2018 \u2013 seine Zigaretten selbst drehen konnte.\u00a0 Er bewohnte nur eine kleine Kammer neben dem Kuhstall, die ihm der Wiesenreithhof-Bauer zur Verf\u00fcgung gestellt hat und der Hermann wollte dort keine G\u00e4ste haben.<br \/>\n\u201eFreut mich, dass du wieder einmal hergekommen bist, Mandl. Es ist mir, wie du wei\u00dft immer eine Ehre \u2026\u201c<br \/>\n\u201eGeh red net so an Bledsinn daher, Michl. Ich bin\u2019s jo nur, der alte Mandl-Knecht. Wos bin i denn schon? Jetzt schon gar nicht mehr, owa i war fr\u00fcher a nix\u201c, unterbrach ihn der Hermann Samthaler. Sie unterhielten sich dann \u00fcber die einfachen und wichtigsten Dinge des Lebens, wie das Gedeihen von Obst, Gem\u00fcse oder Futterpflanzen, \u00fcber den Nachwuchs in der Tierwelt und \u00fcber den Zustand des Waldes. In allen wichtigen Angelegenheiten war er ein Lehrer f\u00fcr Michael, nicht nur in den Bereichen Natur und Biologie. Auch und vor allem hatte Hermann ihm gelehrt die Bibel zu lesen und in ihren Zusammenh\u00e4ngen zu verstehen. Er hatte ihm die Zuordnungen und die Verkn\u00fcpfungen klar gemacht, ihm erkl\u00e4rt, wie es m\u00f6glich ist, hineinzufinden in diese verschachtelten Darlegungen.<br \/>\n\u201eNein, sag das nicht Hermann. Ich \u00fcbertreibe nicht, wenn ich von Ehre rede, aber sicher soll ich auch von Hochachtung reden im Zusammenhang mit deinem Wissen, Hermann, deinen Qualit\u00e4ten. Du bist ein Besonderer, einer, den es wahrscheinlich gar nirgends sonst mehr gibt. Du bist ein Weiser.\u201c<br \/>\n\u201eAuf das hinauf wuzl i mir jetzt eine\u201c, gab Hermann Samthaler zur\u00fcck. \u201eKannst du dich no erinnern, wia i do im Wald gsessn bin und du auf a moi \u2026\u201c<br \/>\n\u201eSicher, Hermann. Es war wie eine Erscheinung. Du warst wie eine Erscheinung, ein Wunder. Ich hatte gerade einen anstrengenden Tag &#8211; das war zwar meistens so bei mir, aber an dem Tag ganz besonders.\u00a0 Ich war mit meiner Entscheidung das Haus hier zu mieten ziemlich im Zweifel und auch sonst v\u00f6llig im Dunkeln \u00fcber meinen eigentlichen Vorsatz. Planlos also und wie so oft dann: unterwegs. Gehen, du wei\u00dft schon, einfach gehen.\u201c<br \/>\nHermann h\u00f6rte bedachtsam und verschmitzt l\u00e4chelnd zu. Seine duftende Kr\u00e4uterzigarette schmauchte er genussvoll.<br \/>\n\u201e\u201cNichtsahnend gehe ich also dahin, den Blick zu Boden gerichtet, wie \u00fcblich. Meine Umgebung missachtend, wie des \u00d6fteren,\u00a0 komme ich also gerade aus dem Fichtenwald heraus auf die kleine Lichtung mit der gro\u00dfen Buche in der Mitte und ich denke mir nichts dabei, da sehe ich dich da sitzen im Schatten.\u201c Michael unterbrach sich kurz. \u201e Es muss recht heiss gewesen sein an dem Tag und \u2026\u201c<br \/>\n\u201eJo, es war der 27. Juli, i was es noch gaunz genau und wirklich, es woa gaunz hass an dem Tog, weil mei Blusn woa gaunz vaschwitzt.\u201c<br \/>\nMichael schaute Hermann \u00fcberrascht ins Gesicht.<br \/>\n\u201eDu kannst dich noch so genau erinnern, Hermann? Ich dachte, das war nur f\u00fcr mich ein so bedeutendes Erlebnis, ein besonders Einschneidendes.\u201c<br \/>\n\u201eDu bist a net irgendwer, wei\u00dft, Michl. Du bist ma schon a ins Aug\u2018 g\u2018sprungen damals.\u201c<br \/>\n\u201eDanke, Hermann. Auf jeden Fall war ich \u00fcberrascht, jemand da mitten im Wald anzutreffen und noch dazu dieses Bild: du sitzt da, im Schneidersitz am Boden, an die dicke Buche gelehnt. Uralt bist du mir vorgekommen mit deinen struppigen, schlohwei\u00dfen Haaren und beim N\u00e4herkommen dann deine H\u00e4nde. Die sind mir auch schon bei dieser ersten Begegnung aufgefallen, ich hatte vorher noch nie solche H\u00e4nde gesehen \u2013 die k\u00f6nnten Romane erz\u00e4hlen, war mein erster Gedanke damals.\u201c<br \/>\n\u201eI bin a uralt, Burschi, des is dir net umsonst so vorkommen\u201c, sch\u00e4kerte Hermann Samthaler.<br \/>\n\u201e \u201aM\u00f6chten der Herr vielleicht kurz Platz nehmen und mir ein wenig Gesellschaft leisten? \u2018 hast du mich dann angeredet und ich konnte dem nur ohne genauer zu \u00fcberlegen Folge leisten. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was wir dann geredet haben. Viel sicher nicht und das Buch, dein abgefetztes, schmuddeliges und vergammeltes Buch, das neben dir lag und aussah, als w\u00fcrde es sich bei der n\u00e4chsten Ber\u00fchrung aufl\u00f6sen und in ihre Einzelteile zerfallen, das ist mir erst sp\u00e4ter aufgefallen.\u201c<br \/>\n\u201eJo, meine Bibel. Die hot schon viel erlebt.\u201c<br \/>\n\u201eJa, gerade noch hab\u2018 ich dein Buch entdeckt, im letzten Moment und dich darauf angesprochen und \u2026\u201c<br \/>\n\u201e \u2026 und i hob gsogt, des geht di nix aun, mein Herr, des is meine Bibel.\u201c<br \/>\n\u201eDas hab ich dann nat\u00fcrlich nicht auf mir sitzen lassen, ich hatte so etwas vorher noch nie gesehen. Normalerweise steht die Bibel unber\u00fchrt und wie neu fein s\u00e4uberlich eingeordnet im B\u00fccherschrank. Ich hatte ja eigentlich schon gar nicht mehr daran gedacht und ohne irgendeine innere oder \u00e4u\u00dfere Vorank\u00fcndigung, v\u00f6llig unerwartet \u00fcberf\u00e4llt mich auf einmal dieses Bild, diese Chance. Erst dann war die Sicht offen. Erst jetzt wusste ich, dass es soweit war, erst jetzt, da ich schon nicht mehr daran gedacht, nicht mehr damit gerechnet habe: ich hatte einen Bibel-Lehrer gefunden. Ich habe dir sodann offenherzig L\u00f6cher in den Bauch gefragt und du wolltest zuerst gar nicht antworten und dann hast du doch lustige, ja wirklich herrlich aufger\u00e4umte Sp\u00e4\u00dfe entgegnet, dass mir die Spucke wegblieb.\u201c<br \/>\n\u201e \u201aJo, i schau gar net so aus, als k\u00f6nnt i lesn, g\u00f6\u2018, hob i gsogt domols.\u201c<br \/>\n\u201eUnd \u201ader Jesus is a super Typ. Wenn\u2018st dem nochfolgst, kannst nix verkehrt mochn\u2018 hast du dann auch noch gesagt und \u201aSchluss iss jetzt mit dem. Des is wos f\u00fcr mich allan, net f\u00fcr andere. Wenn i beten tua, dann mog i net bled reden h\u00f6r\u2019n von andere Leit\u2018 hast du dann noch weiter erkl\u00e4rt und damit war das Thema f\u00fcr dich erledigt. Du bist aufgestanden, hast gesagt \u201aso, jetzt iss Zeit f\u00fcr uns\u2018, hast mir noch die Hand gesch\u00fcttelt und weg. Weg warst du, alter Mann, schneller als ich habe schauen k\u00f6nnen.\u201c Michael Blankenheim lachte fr\u00f6hlich.<br \/>\n\u201eJo, die Alten san noch af zack. Do host di g\u2018wundert, Bua, g\u00f6\u201c, warf Mandl Samthaler ein und formte Rauchkringel mit seinen Lippen.<br \/>\n\u201eEs hat dann einige Wochen gedauert, bis zum n\u00e4chsten Wiedersehn und dann weitere Monate, keine Ahnung mehr wie viele, bis ich dich \u00fcberzeugen konnte, dass ich bei dir lernen m\u00f6chte, die Bibel zu lesen.<br \/>\n\u201e \u201aLesen is des ane, versteh\u2018n des andere\u2018, hob i dann zu dir gsogt.\u201c<br \/>\n\u201eJa, und ich habe geantwortet: Beides. Lesen und verstehen m\u00f6chte ich. Ich habe so stark das Gef\u00fchl, ich wei\u00df gar nicht warum, es sitzt so stark und tief in mir drinnen, ich muss unbedingt den Jesus verstehen. Und alleine bin ich nicht weitergekommen und nie war Hilfe zu sehen. Lauter Klugschei\u00dfer oder Abgewendete, Religi\u00f6se oder Areligi\u00f6se, beide v\u00f6llig ungeeignet und ohne Wissen.\u00a0 Ich habe versucht, diesen Schm\u00f6ker Bibel irgendwie zu bezwingen, ich habe mich bem\u00fcht, zu lesen mit der Vorstellung, dass ich das dann auch kapieren werde. Aber Fehlanzeige. Niederlage auf der ganzen Ebene.\u201c<br \/>\n\u201eJo, de Bibel kaun man et einfoch von vorne weg durchlesen, hob i daun gsogt zu dir \u2026\u201c<br \/>\n\u201e\u00a0\u00a0 und ich habe mich gefreut, weil ich mich best\u00e4tigt gef\u00fchlt habe. Ich wusste, dass es nicht nur an mir gelegen ist, dass da nichts daraus geworden ist.\u201c<br \/>\n\u201eDo iss besser waunst von hinten aunfaungst zu lesen. Besser, owa a nicht richtig, war mei Antwort.\u201c<br \/>\n\u201eJa, Hermann, so war es. Und dann haben wir wirklich, ich konnte es gar nicht mehr richtig glauben, ja dann hast du begonnen, mir zu zeigen, wie man die Bibel lesen und verstehen lernen kann.\u201c<br \/>\n\u201eJo, i hob da zuerst den Aufbau erkl\u00e4rt. Und daunn hom wir erst ang\u2018fangen zu Lesen.\u201c<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Most wird heuer sicher a wieder recht guat werden, do bin i ma sicher. 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